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Beim Bundestreffen der Regionalbewegung

Bundestreffen Regionalbewegung 2018

Wo warst du? Bei wem? Das sind meist die Reaktionen, wenn ich in meinem Freundeskreis die Überschrift dieses Beitrags vorlese, um zu erklären, was ich vom 3. bis 5. Mai in Frankfurt gemacht habe. Ehrlich gesagt ging es mir vor gar nicht so langer Zeit ähnlich, denn die Regionalbewegung und was sie macht, habe ich erst Ende Januar kennengelernt, als ich mich mit Vorstandsmitglied Hermann Kerler bei der Grünen Woche unterhalten habe. Die dahinter stehende Idee hat mich dann so überzeugt, dass ich beschlossen habe, auch zum Bundestreffen zu fahren. Um zu sehen, wer denn da alles mitmacht und was diese Menschen zu sagen haben.

Wer die Website der Regionalbewegung aufruft, dem wird schnell klar, dass man es hier nicht mit einem latent spinnerten Verein zu tun hat, dessen Mitglieder die neue Schnelligkeit der Welt nicht verstehen und die deshalb lieber in ihrem Schneckenhaus bleiben. Denn während es eine ganze Reihe von Initiativen gibt, die ausschließlich zusammenkommen, um explizit gegen etwas zu sein, bietet die Regionalbewegung Menschen wie mir den Vorteil, auch für eine Sache einzustehen und positive Ziele anzugehen. Es geht nämlich darum, regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken, ein dichteres und persönlicheres Verhältnis von Erzeugern und Konsumenten herzustellen, mit kurzen Wegen, einer nachhaltigen Ressourcennutzung, der Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen, einer gewinnbringenden Kooperation zwischen Dörfern und Städten – und natürlich darüber zu berichten, auf dass die Politik die vielen Kleinen im Lande nicht vernachlässigen möge.

So vielfältig wie die Ziele, so bunt wie die Bandbreite ihrer Mitglieder, so umfassend las sich auch das Tagungsprogramm des diesjährigen Bundestreffens. 25 Menschen, die allein im Plenum zu sehen und zu hören waren, dazu noch einmal 39 Frauen und Männer, die in Workshops und Foren über ihre Aktivitäten berichteten und diskutieren ließen. Es wäre deshalb keine wirklich gute Idee, an dieser Stelle alles chronologisch in Länge und Breite noch einmal wiederzukäuen. Ich will mich deshalb auf die schön neudeutschen “Learnings” konzentrieren, auf interessante Aspekte und neue Erkenntnisse, die mir die vielen Vortragenden ermöglicht haben. Verbunden natürlich mit einem mea culpa schon einmal an all diejenigen, die ebenfalls Anregendes beizutragen hatten, aus Platzgründen hier aber keine Erwähnung finden können.

Bundestreffen Regionalbewegung 2018

Die jungen Wilden

Wie sagte es noch Foodaktivist Hendrik Haase in seiner Keynote? “Metzger, Bäcker, Landwirte können die neuen Popstars sein!” Und da sitzen sie, die “jungen Wilden”, wie es das Forum ankündigte, die Popstars in spe, wirken aber ehrlich gesagt äußerst vernünftig. Bäcker André Heuck (Bobingen), Metzger Martin Theisinger (Ehlen) und die Brauer Erik Schäfer und Johannes Alt (Kassel) stellen ihre Betriebe vor und diskutieren mit uns. Alle haben Unternehmen gegründet, sich gegen bürokratische Widrigkeiten durchgesetzt und starten jetzt mit viel Schwung richtig durch. Sie sagen aber auch, dass sie sich als Genusshandwerker erst einmal komplett neu orientieren mussten. In der Berufsschule würde nichts Vernünftiges vermittelt werden, auf dem Gymnasium lernt man noch nicht mal in Ansätzen, wie eine Steuererklärung auszufüllen ist oder was man beachten muss bei einer Unternehmensgründung. Und dass es im Handwerk trotz der guten Konjunkturlage immense Nachwuchsprobleme gibt, läge sicher nicht nur daran, dass die jungen Leute nicht mehr anpacken wollten. “Vielleicht sollte man auch bei der Ansprache etwas ändern”, meint André.

Und ich denke mir, ja, das ist ein guter Punkt. Als ich jung war, bedeutete Lehre im Handwerk gern mal, das ganze erste Lehrjahr immer die Stube auszufegen, Kaffee zu kochen, den ruppig-männlichen Umgangston auszuhalten. “Hart aber herzlich”, hieß es dann, “Lehrjahre sind keine Herrenjahre”, und der Meister hätte sowas damals in seiner eigenen Lehre auch ausgestanden. Aber es ist durchaus möglich, dass sich die Zeiten geändert haben, und es sind beileibe nicht nur die Mädchen, die eine derartige Stimmung nicht wirklich anziehend finden.

Learning # 1: Ja, das Handwerk kann wirklich golden strahlen. Nicht nur, weil die Auftragsbücher voll sind, sondern auch, weil man jungen Leuten tatsächlich etwas zu bieten hat. Und zwar etwas, das jenseits von Plus-Faktoren wie Verdienst und Karriere zu finden ist. Für manche mögen sich die folgenden Elemente wie Binsenweisheiten anhören, aber ich glaube wirklich, dass das ernstzunehmende Wettbewerbsfaktoren sind. Gerade in ländlichen Räumen, wo sich gute ebenso wie schlechte Bedingungen schnell herumsprechen. Welche Dinge ich damit meine? Nun, eine nette und freundliche Atmosphäre, eine echte Begeisterung von Chef und Chefin für die Materie, ein wirklich exzellentes Produkt, mit dem man sich identifizieren kann, dazu vielleicht noch etwas Sinnstiftendes, ein ideeller Mehrwert – und natürlich eine gute Kommunikation nach außen über all das.

Logisch, es wird nicht im Handumdrehen gelingen, den gesellschaftlichen Stellenwert manueller Tätigkeiten auf das Niveau japanischer Meister zu heben. Aber wenn ich mir anschaue, was unsere Herren auf der Bühne in ihren Betrieben offenbar alles richtig machen, dann ist das kein Hexenwerk. Es muss allerdings das entsprechende Bewusstsein da sein, um es auch umsetzen zu können.

Bundestreffen Regionalbewegung 2018

Food-Coops und Solidarität

Ganz regional wird es dann beim “Wissensmarkt”, bei dem ich den Stand der Food-Coop “Futterkreis” aus Frankfurt besuche. Ob es jetzt um die Solidarische Landwirtschaft, um Food-Coops oder um die Aktivitäten der Marktschwärmer geht, immer haben wir es mit Konstrukten zu tun, die als Reaktion auf die zunehmende Industrialisierung, Globalisierung und Entpersonalisierung der konventionellen Landwirtschaft entstanden sind. Die ökologische Bewirtschaftung ist dabei keine Voraussetzung, wird aber trotzdem sehr häufig praktiziert, weil sie zum allgemeinen Ansatz der Achtsamkeit am besten passt. Beim Futterkreis geht man noch einen Schritt weiter, indem es nicht nur ökologisch, sozial, regional und saisonal, sondern auch noch verpackungsfrei zugeht. Und es steht keinerlei Gewinnabsicht dahinter, so dass wirklich die reinen Erzeugerpreise gezahlt werden.

Das ist ja wirklich schön und gut, sage ich mir, aber unter welchen Voraussetzungen könnte so etwas denn in einem größeren, professionelleren Rahmen gelingen? Die Antwort darauf ist mein Learning # 2: gar nicht. Der klassische Unternehmer, der an immer größeres Wachstum und immer größeren Profit für sein eigenes Unternehmen denkt, muss sich an dieser Stelle mit einer gänzlich anderen Philosophie beschäftigen. Der Futterkreis mit 36 Mitgliedern im Verein ist keine große Unternehmung, und das dürfte, wenn es denn weiter so glatt laufen soll, sich auch nicht sehr stark ändern. Wenn nämlich die Stufe zur Gewerblichkeit überschritten wird, würde man sich plötzlich in Konkurrenz zu “professionellen” Biomärkten und anderen Händlern sehen und damit doch wieder Teil eines Wettbewerbsmarktes sein, dem man ja explizit entsagen wollte.

Diese neuartigen (wenn man so will) Organisierungsformen wirken über eine nicht-aggressive Verführungsarbeit, deren Erfolgsrezept es ist, persönlich zu bleiben, dicht an Erzeugern und Produkten dran. Und das funktioniert nur, wenn lediglich die Idee weitergetragen wird. Damit sich woanders gleichartige und gleichwertige Kerne mit ganz ähnlichen Ansätzen entwickeln. Und nicht etwa ein einziges großes Food-Coop-Unternehmen. Vielleicht ist es ohnehin keine schlechte Idee, in einer besseren Welt gleich mal an ausreichend Platz für alle anderen zu denken. Oder wie Vorsitzender Heiner Sindel es bei der Eingangsrede sagte: “Demokratie lebt von der begrenzten Macht des Einzelnen.”

Bürokratie als Hindernis

Zu abgehoben, meine Überlegungen? Dann noch schnell zu einer sehr konkreten Herausforderung, der sich kleine regionale Unternehmen gegenüber sehen: der Bürokratie. Mein Onkel hat beim Landwirtschaftsamt gearbeitet, und ich kann mich gut daran erinnern, wie unangenehm ihm das immer war, bei den kleinen Betrieben die schrecklich fieseligen Vorschriften kontrollieren zu müssen. Seitdem, das war in den 1980ern, scheint aber schlichtweg gar nichts besser geworden zu sein. Die Klage über allzu viele bürokratische Hindernisse zog sich beim Jahrestreffen eigentlich durch alle Diskussionen, die auf dem Podium stattfanden. All diese Bestimmungen, so Gerald Kink, Hotelier und hessischer DEHOGA-Präsident, seien dank erfolgreicher Lobbyarbeit immer nur an Industriestandards orientiert. Wenn ich als Firma 5.000 Mitarbeiter habe, kann ich mir eine Verwaltungs- und Rechtsabteilung leisten. Aber was ist, wenn man nur zu dritt ist? Außerdem neige Deutschland zur Übererfüllung der von Brüssel als Rahmen vorgegebenen Richtlinien.

Ganz zweifellos leiden die KMUs in Deutschland besonders stark unter der deutschen Regelungswut. Es gab aber auch Stimmen bei der Diskussion, die auf ein gewisses Dilemma hinwiesen: Fleischermeister Enno Appelhagen aus Ostfriesland bemerkte, dass es häufig erst nach Skandalen zu neuen Siegeln und Vorschriften kommen würde. Wer Gesetze übertritt und das Vertrauen der Verbraucher missbraucht, macht auf diese Weise leider auch das Leben für alle Ehrlichen komplizierter.

Bundestreffen Regionalbewegung 2018

Podium: Können wir die Welt regional ernähren?

Beim abschließenden Podium ging es schließlich um die Frage, ob man mit den regionalen Ansätzen tatsächlich in der Lage wäre, “die Welt” zu ernähren. Aber fangen wir einfach bei uns an. In jüngerer Zeit sind ja einige Studien durchgeführt worden zu der Frage, ob sich eine Stadt allein durch ihr Umland versorgen lässt – mit differenzierten Ergebnissen. Heidrun Moschitz vom Forschungsinstitut FiBL berichtete von einer Untersuchung in Freiburg, einer irgendwie doch stark fortgeschrittenen Ökostadt. Dennoch werden nur 13% des Gemüses und gar nur 8% des Obsts, das in Freiburg verkauft wird, auch in der Region produziert. Für Hamburg kam eine andere Studie zu dem Ergebnis, dass eine komplett regionale Versorgung schon möglich sei – bei 75% Biolandbau und stark reduziertem Fleischkonsum.

Unabhängig von den (als Denkansatz wichtigen) Gedankenspielen derartiger Studien wies Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung noch einmal darauf hin, dass bereits jetzt große Puffer existieren würden bei der Versorgung. In Europa werden beispielsweise 30% der Lebensmittel weggeworfen. Wenn die Menschen dann noch damit aufhören, zu viel zu essen und “Energiepflanzen” für die Stromproduktion anstatt als Lebensmittel anzubauen, sähe die theoretische Versorgungslage doch schon deutlich anders aus.

Bundestreffen Regionalbewegung

Fazit

Was bleibt als Fazit des Bundestreffens der Regionalbewegung? Die Themenbreite war enorm, die Teilnehmenden durchweg, tja, menschenfreundlich und reflektiert, was in interessanten Präsentationen und anregenden Gesprächen mündete. Sehr viele Dinge, die hier auf und neben der Bühne gesagt wurden, sind derartig sympathisch, logisch und vernünftig, dass man sich unwillkürlich fragt, weshalb sie noch nicht alle politisch umgesetzt wurden. “Das müsst ihr doch sehen”, möchte man Politik und Wirtschaft zurufen, “dass unser Land sehr von diesen kleinen und regionalen Unternehmungen profitiert. Vielleicht ist es sogar explizit diese Vielfalt, die uns als gesellschaftliches System ausmacht.” Nur müsste man mehr und direkter von diesen Menschen und ihren Aktivitäten sprechen. Aber das soll ja auch zukünftig an dieser Stelle geschehen…

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