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Basti: „Neuanfänge tun immer gut“

Basti Horn Hutzelhof Demeter

Hutzelhof. Das ist so ein Wort, bei dem man ahnt: keine Adresse in New York City. Als ich mit Basti am Telefon einen Termin vereinbarte, hatte ich ihn gefragt, wie ich ihn und den Hutzelhof finden würde. „Das ist am Ende des Dorfes. Es gibt nur eine Straße. Und dann frag einfach irgendwen, hier kennen mich alle.“ Gibt es einen besseren Einstieg, einen besseren ersten Interviewtermin als diesen hier, wenn man auf der Suche nach Menschen ist, die neu auf dem Land sind? Richtig geraten, gibt es nicht. Ich war also sehr gespannt.

Hutzelhof Demeter gentechnikfrei

Der Hutzelhof ist nicht wirklich your ordinary Bauernhof, wie man ihn in der tiefsten bayerischen Provinz erwarten würde. Er ist noch nicht einmal besonders alt. Im Jahr 1995, auf dem Höhepunkt des Höfesterbens, beschloss die Familie Kugler, genau den umgekehrten Weg zu gehen und einen Hof neu zu gründen. Der Name „Hutzelhof“ wurde dabei von der Hutzelbirne entnommen, dieser kleinen und, nun ja, hutzeligen Dörrfrucht, mit deren Hilfe man sich früher über den zuckerarmen Winter brachte. Heute hat der Hutzelhof knapp 12 Hektar Land, auf denen Gemüse nach Demeter-Bestimmungen angebaut wird – Ihr könnt es oben auf dem Schild sehen. Gleichzeitig ist der Hutzelhof jedoch noch mehr, nämlich ein Umschlagplatz für regionale Bioprodukte von 50 Betrieben. Das, was dort hergestellt wird, kommt zum Hutzelhof, wird in Ökokisten gepackt, die man sich als Kunde individuell zusammenstellen lassen kann, und dann wird ausgeliefert. Bis nach Nürnberg, vor jede Haustür, zu Schulen und Firmen. Das Ganze ist vermutlich eine eigene Story wert, aber heute bin ich ja hier um mit Basti zu sprechen. Ich darf vorstellen: Bastian Horn, 38 Jahre, Betriebswirtschaftler und …(relativ) neu auf dem Land.

Hutzelhof Demeter

M: Dein Oberpfälzisch ist miserabel, darf man das so sagen?

B: (lacht) Ja, das ist wohl wahr. Aber ich habe es auch nie ernsthaft versucht. Als ich hier hingekommen bin, hat man mich schon mal in eine Lederhose gesteckt, aber das war nicht ich. Das wäre mir zu aufgesetzt vorgekommen.

M: Kommst du eigentlich ursprünglich vom Dorf?

B: Ja, ich bin in einem 800-Seelen-Dorf aufgewachsen, aber in einer ganz anderen Region, in der Nähe von Bonn. Zum Studium bin ich dann nach Halle/Saale gegangen und zehn Jahre dort geblieben, studiert, gejobbt, verliebt, Kind bekommen… Und dann gab es die Möglichkeit mit dem Hutzelhof.

M: Moment, das ist doch für einen BWLer eher ungewöhnlich. Wie bist du denn überhaupt auf die Idee gekommen, dich in dieser Branche umzusehen?

B: Wir hatten da einen wirklich coolen Prof, ich hatte schon den Schwerpunkt Nachhaltigkeitsmanagement gewählt. Und der hat mir gewissermaßen die Augen geöffnet, was meine persönliche Zukunft anbelangt. Dass ich neben dem Geldverdienen beruflich auch irgendwas mit Mehrwert machen möchte, also etwas, mit dem ich mich identifizieren kann. Ich habe dann im Rahmen eines Traineeprogramms der Stiftung Ökologie und Landbau meine Bewerbung abgeschickt, ein tolles Programm übrigens, und dann hat sich der Hutzelhof gemeldet. Dann bin ich mit Frau und Kind erstmal hier in die Oberpfalz gefahren, habe mich vorgestellt und ein bisschen herumgeschaut.

M: War das Liebe auf den ersten Blick? Ich meine, das mit der Oberpfalz.

B: (lacht) Ja, ein bisschen schon. Wobei wir uns ohnehin schon überlegt hatten, die Stadt zu verlassen. Unser Kind war damals ein Jahr alt, das konntest du nirgends frei rumlaufen lassen, auf dem Spielplatz überall Glasscherben und Hundescheiße, das hat uns einfach genervt. Zehn Jahre Staublunge reichen dann auch. Also der Boden war schon bereitet. Aber wohin es gehen sollte, war natürlich nicht klar… Nachdem ich den Job hier bekommen hatte, bin ich erstmal allein hiergeblieben, aber auch da haben wir ziemlich schnell gemerkt, nein, so eine Fernbeziehung wollen wir nicht haben. Meine Frau hat dann zum Glück gesagt, „ach, ich schreibe eh grad meine Diplomarbeit, lass uns doch zusammen da hingehen.“ Seitdem sind wir hier, das war vor sechseinhalb Jahren.

Hutzelhof Bäckerei

M: Was hat dich positiv überrascht, als du hier angekommen bist?

B: Dass es so schön ist. Diese Landschaft, die Hügel, die Wälder. Ich bin gern draußen in der Natur, zum Mountainbiken, zum Klettern, und da ist es hier einfach ideal. Und dann muss man auch sagen, dass Neuanfänge immer gut tun. Man öffnet sich da, lernt viel über sich selbst, was einem wichtig ist, entdeckt neue Dinge, neue Leute, alles verändert sich ein bisschen. Das finde ich spannend.

M: Und was ist dir schwerer gefallen?

B: Naja, die Leute sind zunächst schon ein bisschen verschlossen. Da musste ich auch lernen, dass die das nicht böse meinen. Also es gab schon junge Leute in meinem Alter, mit denen man mal ein Bier getrunken hat. Aber bis man von denen das erste Mal zum Grillen eingeladen wurde, das hat länger gedauert. Zu Anfang bin ich auch ein paarmal zum Stammtisch gegangen. Das fand ich zuerst spannend: Da sitzen der 16jährige Bursche und der 80jährige Opa, und die haben sich echt was zu sagen! Nur… nach ein paar Malen habe ich dann gemerkt, das sind eigentlich immer dieselben Themen…

M: Was hat dir geholfen, dich besser einzufinden?

B: Das Klettern auf jeden Fall. Wir sind hier in den Alpenverein gegangen und haben darüber Leute kennengelernt, die sich für ähnliche Dinge interessieren. Daraus sind dann auch echt gute Freundschaften entstanden. Aber nur zu so drei oder vier Familien, mehr braucht man glaube ich auch nicht in dieser Intensität. Und ansonsten ist es auf dem Dorf natürlich von Vorteil, mit Kind zu kommen. Das öffnet Türen. Da lernt man nicht nur die anderen mit Kindern kennen, sondern es ist allgemein sicher so, dass die Leute eher auf ein süßes Kind zugehen als auf einen bärtigen Typen. Hätte ich ganz allein hier sein müssen, wäre der Weg sicher steiniger gewesen.

M: Wie sieht das hier eigentlich mit der Infrastruktur aus? Wie viele Einwohner hat dein Dorf?

B: Hundert. Und den Hutzelhof, zum Glück für mich. Dadurch brauche ich zum Beispiel kein Auto, um zur Arbeit zu kommen. Meine Frau fährt damit nach Sulzbach, sie arbeitet dort an der Berufsschule. Insofern ist für mich die Infrastrukturfrage sicher eine andere als für jemanden, der aufs Dorf geht und von da aus erst einmal weit pendeln muss zur Arbeit. Aber ich bin ja gerade der Arbeit wegen hierher gekommen. Ansonsten, der Bus fährt, Edelsfeld hat eine Grundschule, das sind drei Kilometer von hier. Worauf ich nicht verzichten möchte, ist der Internetanschluss. Die 50.000er liegt in der Erde und wird demnächst freigeschaltet, bislang haben wir 16.000. Das reicht aber auch für Netflix.

M: Würdest du sagen, dass die zunehmende Digitalisierung den ländlichen Räumen eher nützt oder schadet?

B: Das ist eine riesige Chance! Du bist hier virtuell am Puls der Zeit, kannst digital alles machen, was du in der Stadt auch machen kannst. Ich glaube, das war noch nie so, zu keiner Zeit, dass das Land kommunikativ so wenig abgehängt war. Und gerade wenn ich an dein Projekt denke, ist das für junge Leute auch eine zwingende Voraussetzung, wenn sie aufs Land kommen. Das ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Ich will die Nachrichten auf Spiegel schauen, wenn ich Lust habe und nicht erst, wenn ich wieder im Empfangsbereich bin oder wenn etwas im Fernsehen kommt.

M: Dafür sagt man ja, dass die ganze fixe Infrastruktur abgebaut wird, die ganzen Läden…

B: Mag sein. Aber ich war eh noch nie so der Shopping-Typ. Wenn ich mal was einkaufen will, fahren wir nach Nürnberg und verbinden das dann gleich mit Essen gehen, Kino, solchen Dingen. Und wenn sich meine Frau Klamotten online bestellt und liefern lässt, dann hätten die früher im Dorfladen so etwas ohnehin nie vorrätig gehabt. Eine andere Sache ist das mit den Lebensmitteln. Beim Bauern einzukaufen, ist schon eine feine Sache. Aber da sitzen wir hier ja zum Glück wirklich an der Quelle. Der Hutzelhof hat vor zwei Jahren noch eine Bäckerei aufgebaut, einen guten Dorfmetzger gibt es auch, also das ist richtig gut.

Hutzelhof Wolken

M: Und wie sieht es mit dem Wohnen aus?

B: Luxuriös (lacht). Nein, ehrlich. Als wir hier angekommen sind, waren wir erstmal übergangsweise in einer kleinen Hütte. Und haben davon geträumt, vielleicht ein altes billiges Haus zu finden und das wieder aufzubauen. Mittlerweile ist uns ein Haus hier im Dorf angeboten worden, noch nicht mal ein heruntergekommenes, da mussten wir gar nichts machen. Und preislich war das Angebot so fair, dass wir das echt stemmen können, auch mit dem Abzahlen. Der Preis, der Platz, die Ruhe. Sowas hätten wir uns in der Stadt niemals leisten können. Die Oberpfalz ist ja schon eine etwas ärmere Region, die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich wirklich niedrig.

M: Was würdest du anderen Menschen raten, wenn sie hier aufs Land ziehen? Was müssten die mitbringen?

B: Kompromissbereitschaft. Also eigentlich in jeder Hinsicht. Du warst davor etwas anderes gewohnt, jetzt kommst du aufs Dorf, und da gibt es das auf einmal nicht mehr. Dabei hilft es, wenn man sich erstmal auf die Leute einlässt, ohne seine bisherigen Ansätze zu hart zu vertreten. Dann entdeckt man nämlich doch Dinge, die an die Stelle treten können. Mich hat früher zum Beispiel nie diese gutbürgerliche Küche interessiert, ich war immer Thailändisch oder Italienisch essen. Jetzt gibt es hier am Ort aber einen sehr guten Gasthof mit bayerischer Küche und eine total nette Wirtin. Auf so etwas musst du dich einlassen. Natürlich ist das kulturelle Angebot hier in der Gegend kaum vorhanden, wenn man ehrlich ist. Feuerwehr und Schützenverein interessieren mich nicht. Aber jetzt sitzen wir draußen im Garten oder am Feuer, dann sind Freunde da, die Kinder ohnehin, dann gehen wir im Wald spazieren. Naturaffinität ist sicher noch wichtig, um sich hier wohl zu fühlen. Also das Leben hat sich natürlich auch verändert. Ich habe weder die Zeit noch die Lust, jeden Abend mit Kumpels abzuhängen. Mit 38 hat man einfach andere Sachen im Kopf als mit 25.

M: Und wo siehst du dich in fünf oder zehn Jahren? Fragt man ja immer so…

B: Öhem… ist das peinlich, wenn ich sage, immer noch hier?

M: Ja, ungeheuer peinlich. Zur Not schneiden wir’s raus.

B: (lacht) Ist aber wirklich so. Gut, vielleicht eine kleine Gehaltserhöhung… Nein, wir fühlen uns hier wirklich wohl. Ich mag die Leute, ich mag die Arbeit, ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles, etwas Nachhaltiges zu tun. Ich mache hier alles, bin Systemadministrator, Techniker, mache den Onlineshop, schreibe auch Beiträge, helfe im Kundenservice, betreue das Käse- und Weinsortiment. Also nichts, womit ich die Welt beherrsche, aber total vielseitig. Das kommt mir entgegen. Vielleicht würde ich bei einem Autohersteller zehnmal so viel verdienen, aber würde mein Leben dann besser aussehen?

M: Lass mich raten…

Und so geht unser wirklich nettes Gespräch bei einer Bio-Ingwer-Zitronenschorle zu Ende. Für das Titelfoto des Beitrags tut Basti dabei so, als würde er 500 Meter Salatpflanzen händisch ins Feld gesetzt haben. Währenddessen kommt doch tatsächlich noch die Sonne hervor.

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Was habe ich also gelernt aus meiner ersten Begegnung mit einem Neo-Landbewohner? Wenn ein sinnstiftender Job, eine schöne Natur und ein schnelles Internet da sind, ist eigentlich alles gebongt. Gut, Toleranz und Offenheit gehören noch dazu, aber das ist vermutlich selten anders, wenn man sich auf etwas Neues einlässt.

Aber was ist, wenn man eigentlich ein echter Metropolen-Typ ist, das crosskulturelle Gebrause liebt? Wenn der einzige verfügbare Job Regaleinräumer im Discounter ist? Wenn man allein ist? Wenn man keinen Führerschein hat, dazu Heuschnupfen und eine Mückenstich-Allergie? Das sind alles Dinge, die ich bei „Neu auf dem Land“ noch herausfinden möchte. Und dafür suche ich junge und alte Menschen, glückliche und unglückliche, solche mit fatalistischen Haltungen und solche mit genialen Geschäftsideen.

Zunächst aber geht für mich die Reise weiter nach Göttingen, zur dortigen Universität. Prof. Dr. Claudia Neu wird mir dabei verraten, was heutzutage eigentlich noch der Unterschied zwischen Stadt und Land ist. Und ob es auf den Dörfern eher aufwärts oder eher abwärts geht. Falls eine solche Frage nicht zu simpel ist für eine Professorin…

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